2010 – Normandie

Reisebericht von Helga Keßler:

Mont-Saint-Michel (Foto: Christine Rüppell)

Dieses Jahr führte die Reise der DFG Oldenburg zum Mont St. Michel in der

Normannen erobern den Norden von Frankreich.

Orden der Benediktiner schaffen Kirchen und Klöster.

Rouen ist die Stadt von Catherine Rüppell und Jeanne d’Arc.

Mont St. Michel liegt im Südwesten.

Andouilles sind rotbraune Würste aus Schweinegedärm.

Natur wird geprägt von Meer, Wäldern, Obstwiesen, Hecken und Weiden.

Delikatessen erwarten uns u.a. in einer ferme-auberge.

Inseln gibt es, die von Zeit zu Zeit in den Fluten versinken.

Eleonore von Aquitanien heiratete König Henry II.

 

Es war meine erste Reise mit der DFG, und ich fand sie „merveilleux”: sehr abwechslungsreich, anregend für alle Sinne. Madame Rüppell hatte sie hervorragend vorbereitet; unter ihrer charmanten Führung im Team mit ihrer Tochter Christine, die uns ihre kunsthistorischen und allgemeingeschichtlichen Kenntnisse locker und klar vermitteln konnte, fühlte sich die Reisegruppe von 38 Personen sichtlich wohl. Sogar das Wetter stimmte. Jeder Tag war sonnig; der Verlag „heula”, dessen Witze zum großen Teil dem angeblichen Dauerregen in der Normandie gewidmet sind, muss sich wohl allmählich umstellen. Nur am Abreisetag nieselte es morgens, so dass eines der 40 Wörter für Regen aus der normannischen Sprache herhalten musste: war es „broussin” oder schon eine „brouasse” oder gar „eune pissie de cat”?

Unser erster Aufenthalt war in der Provinzhauptstadt Rouen, deren Kathedrale Claude Monet nicht weniger als 28 mal gemalt hat; und auch Camille Pissarro hat hier die beginnende Industrialisierung in vielen Bildern eingefangen. Beim abendlichen Bummel erlebten wir Kirche, Kathedrale, Justizpalast u.a. effektvoll beleuchtet.

Am nächsten Tag bezogen wir unser Standquartier in Granville, einem möwenumkreischten Badeort an der normannischen Westküste, das Hotel lag direkt über dem Strand, viele Zimmer boten Meeresblick.

Auf der Herfahrt waren wir in Bayeux ausgestiegen. Wer den berühmten Teppich von Bayeux schon kannte, ging in die Kathedrale, deren Ursprungsbau wahrscheinlich – wie so oft – über einem heidnischen Heiligtum errichtet worden war und der von der Romanik über die Gotik bis zum Barock immer wieder umgebaut worden ist.

Auch die Kathedrale von Coutances konnten wir auf der Herfahrt besichtigen. Sie gilt als Juwel normannischer Gotik. Diejenigen, welche schwindelfrei auch die oberen Stockwerke begingen, hatten einen umso intensiveren Eindruck von der grandiosen Architektur.

Auf dem Mont Saint Michel – von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und eines der wichtigsten intellektuellen und spirituellen Zentren des christlichen Europas – ist mir der Kreuzgang der Abtei in besonderer Erinnerung geblieben, mit seinen Doppelreihen zierlicher Säulen aus rötlichem Granit, bei denen im Zwischenraum jeweils der vorderen die hinteren stehen, immer eine Schrittlänge voneinander entfernt, und die reich verzierten Arkaden über ihnen.

Auf der Rückfahrt wurden wir durch die Ruinen der Abtei von Hambye geführt. Die letzten Mönche der Benediktiner-Abtei hatten sie schon vor der Revolution von 1789 verlassen. Eine Besitzer-Gemeinschaft aus Hambye erwarb und nutzte sie als Steinbruch. Als der Restbau nach der Plünderung im frühen 19. Jahrhundert einzustürzen drohte, wurden zwei der tragenden Säulen des Chores durch Stützmauern ersetzt. Als Provisorium gedacht, darf das jetzt nicht mehr verändert werden: Monument Historique. Es gibt noch schöne Klosterräume zu besichtigen dank einer Madame Beck, die das Ensemble erwarb und eigenhändig und mit viel engagierter Privathilfe gute und geschmackvolle Restaurierungsarbeit geleistet hat.

In Lessay hat Christine uns die Kirche erklärt, ein wundervolles romanisches Bauwerk. So wie Coutances ein Beispiel für gelungene Gotik, ist Lessay ein Juwel der Romanik in seiner harmonischen Ausgewogenheit, seiner ruhigen Kraft der Gestaltung – nach der Totalzerstörung durch die abziehende Nazi-Armee mit großen Anstrengungen 1950/58 so sorgfältig und geschickt wieder aufgebaut, dass man heute die Brüche ohne Stilbruch sieht.

Besonders romantisch fand ich die Wasserburg Pirou aus dem 12. Jahrhundert, ältestes château fort der Normandie. Eine sehr alte Legende erzählt, dass die Bewohner sich in Wildgänse verwandelten, als die Burg von den Normannen angegriffen und abgebrannt wurde. Seitdem kommen die Gänse jedes Jahr zurück in der Hoffnung, das Zauberbuch zu finden, mit dessen Hilfe sie wieder in ihre alte Gestalt zurückkehren könnten.

Im ehemaligen Gerichtssaal der Burg gibt es eine Ausstellung von Stickbildern, welche die Eroberung Süditaliens und Siziliens durch die Normannen darstellen. Sie wurden im 20. Jahrhundert hergestellt von einer Stickerin, die zuvor sechs Jahre lang die Tapisserie in Bayeux studiert hatte und nach diesem Vorbild an die Arbeit ging. Dabei zeigt sich, dass man bei drei Stunden täglichen Stickens 10 laufende Meter im Jahr schaffen kann!

Genug von Kirchen und Burgen – obwohl: die mächtige Burganlage im mittelalterlichen Städtchen Fougères war auch sehenswert, ebenso wie kleinere Kirchen, z.B. in der Oberstadt von Granville. Ein interessantes Museum in Avranches zeigte u.a. mittelalterliche Manuskripte des Mont St. Michel, Zeugnisse mönchischer Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit.

Jeder, der an der Gruppenwanderung vom Mont St. Michel zur kleinen unbewohnten Insel Tombelaine teilgenommen hat, wird diese 7 Kilometer sicherlich nicht vergessen. Den herrlichen Blick auf den Mont St. Michel aus immer wechselnden Perspektiven, den Sand und auch das Wasser der Priele unter den Füßen – der Tidenhub beträgt hier ca. 15 m (!) – den irrsinnig schnell sprechenden und laufenden Wanderführer. Wenn man da an die frühen Pilger dachte, an die Zeiten, als der Mont noch eine wirkliche Insel war und der Pilgerweg nicht ungefährlich: Welch mächtige Anziehungskraft muss der Mont gehabt haben, wie viele Pilger mögen unter dem Treibsand begraben liegen?

Ein ganz anderes Natur-Kultur-Erlebnis waren die Gärten des Schlosses La Ballue, in einem Ort gelegen, dessen Name wie ein besonderes Praliné auf der Zunge zergeht: Bazouge-La-Pérouse.Das Schloss wurde Anfang des 17. Jahrhunderts gebaut; Honoré de Balzac, Victor Hugo u.a. wurden im frühen 19. Jahrhundert inspiriert durch Schloss und Umgebung. Die neuen Besitzer knüpfen an diese Tradition an und laden Künstler zum Wohnen und Arbeiten in ihr Schloss ein. Seit 1996 wurde die Umgebung der Wildnis entrissen und präsentiert sich nun in Form von 13 Überraschungsgärten, hauptsächlich Grün in Grün, wobei Hecken so geschnitten sind, dass Ausblicke in die wunderbare, ruhige Landschaft ermöglicht werden.

16 km von der normannischen Westküste entfernt liegt eine Inselgruppe: die Chausey-Inseln. Die mit 45 ha größte von ihnen steuerten wir mit einem Boot an. Diese Insel ist bewohnt, während die anderen zeitweise überflutet werden und im Meer verschwinden: eine Landschaft, die ihr Gesicht immer wieder verändert. Der Granit von Chausey ist seit dem Mittelalter ein beliebter Baustoff; er diente auch dem Bau der Burganlagen auf dem Mont St. Michel. Inzwischen sind die Steinbrüche geschlossen.

Ich könnte noch schwärmen von der Altstadt Granville, die als Oberstadt steile Treppen hoch über dem Strand auf einer Felsnase liegt, mit einem Fort der Engländer, die im Hundertjährigen Krieg von hier aus – vergeblich – den Mont St. Michel berannten und mit diesem Bau die Stadt gründeten; von schönen alten Häusern, u.a. Villen von corsaires, das waren Piraten mit königlicher Raublizenz, die, reich geworden, sich hier der Ruhe oder anderen Geschäften hingaben.

Nun aber wirklich zur dritten Säule normannischer Kultur! Normandie: das sind Landschaft, Geschichte und  Küche.

In einer hübschen, ländlichen Umgebung liegt die Ferme de l’Hermitière, wo uns die Unterschiede in der Herstellung von Apfelsaft, Cidre, Pommeau und Calvados vorgeführt wurden, samt musealer Vertiefung und erhebenden Kostproben.

Kurz vor Cancale – das liegt schon in der Bretagne und bezeichnet das Westufer der Bucht des Mont St. Michel – waren wir in einer Ferme Marine, wurden über die Austernzucht informiert und durften die Ergebnisse probieren. In Cancale selbst, wo wir am Hafenstrand entlang promenierten, bot jede Gaststätte huîtres an; es gab sogar einen kleinen Markt ausschließlich mit Austern-Ständen, wo Tabletts mit Austern auf Eis und Zitrone verkauft wurden, sehr beliebt zum Mitnehmen.

Idyllisch am Flüsschen Sienne gelegen, besuchten wir einen Betrieb, der hauptsächlich andouilles herstellt, diese besondere Spezialität aus Schweinegedärm, das gewaschen wird, gekocht und geräuchert usw. Dieser Betrieb gehört jetzt dem Vorarbeiter des vorigen Besitzers, der ein Sohn des Neffen der Schwester von Catherines Großvater war, stimmt’s?

Und ich will uns erinnern an die kulinarischen Köstlichkeiten z.B. bei dem Pique-nique in einem Kiefernwald, als eine Teilnehmerin der Reisegruppe zur Feier ihres Geburtstages allen einen Apéritif spendierte. Die Käse der Normandie, die von den typischen „bebrillten” normannischen Kühen stammen, sind zu Recht berühmt, ebenso die pâtés, dazu Wein, dazu das Säuseln des Windes in den Bäumen, das Knacken der herabfallenden Kiefernzapfen …!

Am ersten Abend in Granville waren wir alle zusammen in dem Restaurant „La Citadelle” am Hafen. Dort hat es vielen so gut geschmeckt, dass sie gleich für den letzten Abend am Ort Tische reservierten. Übrigens: das grüne Sorbet, le trou normand, von Calvados umspült und zur Halbzeit des Menüs serviert, heißt wirklich „normannisches Loch” (es verlangt nicht unbedingt das Sorbet, wohl aber den Alkohol), weil es im Magen noch ein Plätzchen für die nachfolgenden Speisengänge frei spült.

Überraschend großartig war das Dîner in einer Ferme-auberge. Ich hatte mir etwas recht Rustikales darunter vorgestellt; dabei gab es auf feinem Wedgewood-Geschirr so köstliche Sachen wie Ententerrine und zartes Foie gras (die Hausherrin führt eine Entenzucht, wie wir erfuhren).

Eh bien – ich schließe jetzt mit den etwas melancholisch-sehnsüchtigen Zeilen des Liedes, das Catherine Rüppell uns auf der Heimreise vorgesungen hat:

„J’irai revoir ma Normandie, c’est le pays, qui m’a donné le jour.”